Berichte

Gruppendynamik auf dem Rössleweg

Blick vom Birkenkopf auf Stuttgart im Winter

Ich laufe gerne alleine.
Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen. Ich starte, wann ich will, laufe so lange und so schnell ich will. Und vor allem, wo ich will. So viel Freiheit habe ich als vollzeitbeschäftigter Familienvater in keinem anderen Bereich meines Lebens. Und ich genieße diese Freiheit beim Laufen. Sehr sogar.

Aber ich laufe auch gerne in Begleitung.
Denn auch Eigenbrötler wie ich müssen zugeben, dass es dann einfach leichter fällt, Kilometer zu sammeln. “In Begleitung” heißt bei mir in der Regel, mit einem oder maximal zwei Mitläufern auf eine Laufrunde zu gehen – bevorzugt eine längere. Ein Rudelläufer, der am liebsten mit möglichst großer Entourage unterwegs ist, war ich noch nie und werde ich nie sein. Trotzdem bin ich immer noch begeistert von dem, was gestern geschah.

Um Stuttgart herum führt ein Wanderweg. Der “Rössleweg” hat ca. 54 Kilometer und 1.100 Höhenmeter. Zwei Mal bin ich ihn 2015 gelaufen und es war jeweils ein tolles Erlebnis. Da es immer wieder Läufer gibt, die die Umrundung in Angriff nehmen, gibt es sogar eine Facebookseite, auf der man sich zu dem Abenteuer verabreden kann.

Bisher hatte es für mich zeitlich oder formtechnisch allerdings nie gepasst, all die Läufer, die ich nur über Facebook oder Strava kenne, persönlich zu treffen. Doch die angekündigte Runde am 15. Januar passte perfekt in mein Konzept: Der Trainingsplan für Rodgau sah den finalen langen Lauf mit 42 Kilometern vor, die Freigabe von der Familie gab es Dank der frühen Startzeit auch und so klingelte der Wecker am Sonntag um 5:30 und 90 Minuten stand ich vorm Bahnhof Obertürkheim, dem tiefsten Punkt der Strecke.

Normalerweise liegt die Gruppenstärke bei einer Rössleweg-Tour im Sommer bei 5 bis 10 Läufern. Und an einem kalten und dunklen Sonntagmorgen im Januar? Genau: Wir waren 15 Läufer!

Da wir wie erwähnt am tiefsten Punkt starteten, ging es logischerweise erstmal hoch. Wir liefen die Strecke im Uhrzeigersinn und deshalb zuerst Richtung Degerloch und dann wieder runter nach Kaltental. Der Wald war herrlich weiß, aber nicht allzu rutschig, die Temperatur pendelte sich bei null Grad ein. Und als ich das erste Mal auf die Uhr guckte, waren wir bereits bei Kilometer acht. Wahnsinn. Wenn ich alleine laufe und das erste Mal auf die Uhr schaue, bin ich meist bei Kilometer 0,8.

Blick vom Birkenkopf auf Stuttgart im Winter

Von Kaltental geht es dann durch viel Wald am Birkenkopf vorbei Richtung Botnang. Eigentlich. Aber natürlich lässt kaum ein Rössleweg-Läufer den “Monte Scherbelino” links liegen. Der Ausblick, den man über Stuttgart hat, ist einfach zu gut, um nicht hochzulaufen. Beim obligatorischen Gipfel-Gruppenfoto hatten wir 20 Kilometer hinter uns. Mein Plan sah vor, die 42 Kilometer zu machen und dann zu schauen, was die Beine so sagen und wie gut ich zurück zum Auto komme.

Wenn ich meine langen Läufe mache, benötige ich meist 10 Kilometer, um ins Rollen zu kommen. Von 11 bis 25 ist es dann super und wenn es an die 30 geht, wird es langsam zäh. Und gestern? Es lief ab dem ersten Schritt (was mir fast etwas Angst machte!) und daran änderte sich lange Zeit auch nichts. Bis zum Versorgungspunkt bei Kilometer 38, den einer der Läufer dankenswerterweise eingerichtet hatte, war es schlichtweg perfekt. Okay, danach merkte ich so langsam, dass wir schon vier Stunden unterwegs waren, aber trotzdem liefen wir auch über die kurzen Rampen hinweg, die hin und wieder auftauchten. Da ich mich bei Kilometer 42 immer noch ganz okay fühlte, nahm ich den nächsten Anstieg von Mühlhausen hoch nach Steinhaldenfeld noch mit, stieg anschließend in Bad Cannstatt nach 45 Kilometern aus und setzte mich in die S-Bahn. Die anderen liefen natürlich noch weitere zehn Kilometer nach Obertürkheim zurück.

Ich denke, das hätte ich auch noch gut geschafft, aber so hatte ich 4:50h auf der Uhr, also genau die Zeit, die ich in Rodgau anpeile. Außerdem machte sich ein Muskel hinten links im Oberschenkel leicht bemerkbar und ich hatte so eine dumpfe Ahnung, dass mein rechter Fuß wegen zu langer Zehennägel etwas blutig sein könnte. Da tat zwar nichts weh, aber wahrscheinlich entwickelt man als Läufer einen siebten Sinn dafür, denn ich hatte Recht. Nein, keine Bilder.

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Und so war ich pünktlich um 13:30 wieder daheim. Mit 45 Kilometern in den Beinen und einem seligen Grinsen im Gesicht. Dass das geplante Schlittenfahren mit den Kindern wegen Schneemangels ausfiel, fand ich auch nur so semi-schade.

Der Trainingsplan für Rodgau ist damit eigentlich beendet. Die vergangene Woche mit 3×3 Kilometer Intervallen und dem ganz langen Lauf war der Höhepunkt, bevor es jetzt ans Tapering geht. Die 50 Kilometer unter fünf Stunden sollten in zwei Wochen eigentlich drin sein. Gestern waren wir zwar langsamer unterwegs, aber dafür hat der Rössleweg auch deutlich mehr Höhenmeter.

Fazit:
Gerade bei langen Läufen ist eine gute Gruppe sehr hilfreich. Auch, wenn man sonst lieber alleine läuft.

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