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Selbstbehauptungen & Grenzen

Neulich hatte ich die Ehre, mit René von Fatboys Run zu reden. Im Vorfeld hatte ich mir noch überlegt, was ich überhaupt erzählen kann. Schließlich bin ein völlig normaler Läufer, nichts besonderes. Kein Podium, kein Besenwagen. Immer irgendetwas dazwischen.

Aber im Gespräch und vor allem danach merkte ich, dass man in zehn Jahren doch so einiges auf und neben der Laufstrecke erlebt. (Außerdem merkt man, wie verdammt alt man schon ist, aber das ist ein anderes Thema.) Und in dieser Zeit verschieben sich Prioritäten genauso wie die persönlichen Grenzen. Außerdem ist mir mal wieder klar geworden, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass ich in zehn Laufjahren nie länger als drei Wochen Zwangspause machen musste. Und die beiden einzigen größeren Verletzungen (Armbruch und Fußprellung) hatte ich mir auch noch beim Fußball abgeholt. Ein gebrochener Arm ist ja ohnehin kein Grund, den Hermannslauf ausfallen zu lassen, wie dieses historische Dokument aus dem Jahr 2011 zeigt (Der Forerunner 205 <3).

Außerdem weiß man nach einer Laufdekade ziemlich genau, wofür man Talent hat (viele, langsame Kilometer laufen) und wofür man richtig ackern muss (z.B. ein „schneller“ Marathon). Ich behaupte auch mal, dass man zehn Jahren laufen ohne längere Pause seinen Körper ziemlich gut kennt. Fast alle Zipperlein fühlen sich irgendwie vertraut an. Man weiß genau, ob es eine von den Erkältungen ist, mit denen man locker zwei Stunden langsam(!) laufen kann, um sich so richtig auszurotzen oder ob man sich stattdessen lieber in die Wanne legen sollte. Man weiß auch, dass man am Abend ein bis drei Bier zu viel trinken kann und am nächsten Morgen trotzdem einen langen Lauf machen kann. Mann weiß aber auch, dass das keinen Spaß macht und die Gefahr groß ist, den Arsch und den dicken Schädel nicht aus dem Bett zu kommen.

Und nach zehn Jahren weiß man auch, dass die Motivation in Wellen kommt. Es gibt Wochen, in denen es einfach wenig Spaß macht. Wochen, in denen man der festen Meinung ist, dass es nicht möglich ist, als zweifacher Vater mit Vollzeitjob ein vernünftiges Trainingsprogramm zu absolvieren. Wie soll man denn bitteschön einen langen Lauf unterbringen, wenn das Wochenende voller Termine ist und die Ehefrau auch noch arbeiten muss? Aber dann kommen auch wieder die Wochen, in denen man Samstag morgens um 5 Uhr aufsteht, um die 17 Kilometer Fahrtspiel erledigt zu haben, bevor die Nichte eingeschult wird. Und in denen man am Folgetag seinen langen Lauf auch relativ problemlos absolviert, bevor die Dame des Hauses selbiges verlässt.

Was ich eigentlich sagen will: Nach zehn Läuferjahren wird man ziemlich gelassen. Nichtsdestotrotz (was für ein wunderschönes Wort!) kann man auch recht genau einschätzen, ob man für die gesteckten Ziele ausreichend gearbeitet hat oder nicht. Und so wie es aktuell bei mir läuft, bin ich der Meinung, dass das echt klappen könnte, obwohl ich schon ein wenig Schiss vor den kommenden Terminen habe:

Mein erstes Etappenrennen mit 94 Kilometern mit über 4.000 Höhenmetern in zwei Tagen Anfang Oktober.

Der Kreuzberg 50 Ende Oktober.

Und vor allem mein Jahres- und Überhaupt-Highlight:
Der Ultra Haría Extreme auf Lanzrote am 17. November.

Warum ich das glaube? Weil sich Laufen momentan mal wieder richtig, richtig gut anfühlt. Okay, die langen Läufe waren zwar noch gar nicht so richtig lang, fühlten sich aber schon so an. Aber, hey, der Trend ist my Friend!

Ich fühle mich jedenfalls deutlich fitter und stärker als noch im Juni. Und da konnte ich den Zugspitz Supertrail recht problemlos nach hause laufen. Aber das, was da jetzt noch wartet, ist auch noch mal eine Spur anspruchsvoller. Zudem kommen auf Lanzarote ziemlich viele Faktoren hinzu, die ich überhaupt nicht einschätzen kann. Verdammt, ich weiß nicht mal genau, ob die Strecke jetzt 94 oder 102 Kilometer lang ist. Klar ist allerdings schon jetzt, dass es ein unvergessliches Abenteuer wird.

Ich freu mich. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auf Lanzarote meine Grenzen verschieben muss – trotz der Erfahrung aus zehn Läuferjahren. Aber ich bin in diesem Jahr so viel gelaufen wie noch nie zuvor und vor allem fühle ich bereit, die Grenzen noch ein Stückchen zu pushen.

Vielen Dank fürs Lesen. Dieser Text sollte eigentlich nur dazu dienen, mich selbst ein wenig zu feiern, weil Laufjahr Nummer 10 irgendwie viel besser ist als ich dachte. 🙂

P.S. Die Headline ist natürlich geklaut. Der Song von Virginia Jetzt! ist fast so alt wie meine Läuferkarriere:

3 comments on “Selbstbehauptungen & Grenzen

  1. Danke dir für deine aufbauenden Worten speziell in Bezug auf „Familie. Arbeit. Training.“ Da stößt man schon häufiger an seine Grenzen.

    • Danke für Deinen Kommentar. Manchmal ist es nicht einfach, das alles unter einen Hut zu bekommen. Aber oft stelle ich fest, dass es eher ein Kopfproblem ist als eine logistische Aufgabe. Wenn ich die nötige Motivation habe, dann kann ich am Samstag um 10 Uhr auch den Kinderfahrdienst übernehmen und bin vorher schon 30+ km gelaufen … und das restliche Wochenende verdammt stolz darauf.

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